Je älter ich werde, umso eher kommen frühe Erinnerungen. Als ich meine Coco noch nicht hatte, und weit davor, wollte ich meine Tochter Linda auf Goa besuchen. Da ich einen günstigen Aeroflot Flug bekam, ging alles sehr rasch, schon saß ich im Flieger in der ersten Reihe flankiert von zwei äußerst feschen jungen Männern. Soweit ich mich erinnern kann, gab ich an, wie eine Steige voller Affen, sprich, ich erzählte, wo ich schon überall war, und was ich schon erlebt habe. Neugierig hörten die beiden mir zu, der Flug nach Delhi verging wie im Flug. Die Burschen fragten mich vor der Ankunft, ob sie mich noch auf einen Kaffe einladen dürften. Nein, sagte ich bereits ganz eilig, ich habe doch einen Anschlussflug nach Goa, den ich erreichen muss. Goa Kenner wissen, dass es damals noch keine Computer gab, sondern es gab laaaange Wartelisten. Wir eilten zum Zoll, als ich dann davor stand, checkte der Beamte in seinem Kammerl meinen Pass, drehte ihn hin und her, vor und zurück. Dann kam der Satz, bei dem ich am liebsten im Erdboden versunken wäre. Er hieß: Madame, where is your Visa? What?????? Wieso habe ich kein Visum fragte ich ihn, als ob er daran die Schuld tragen würde. Hinter mir begann ein Gemurmel. Eisern starrte ich den Beamten an, auf ein Wunder wartend, denn langsam begann ich die Situation zu begreifen. Ich habe vergessen, mir ein Visum zu besorgen. Ich beugte meinen Kopf wie ein Greifvogel immer näher in das Kastel, um ihm Geld anzubieten. Seine Antwort: „Madame, you go back to Russia.“ In der Zwischenzeit war ich in Schweiß gebadet und stieß ein schrilles: „no way“ aus. I dont go back to Russia. Ich trau mich ja gar nicht zu schreiben, was ich sonst noch alles gesagt, nein geschrieen habe, das werden die ahnen, die mich gut kennen. Das hatte den Erfolg, dass ich eilig von zwei Securitis abgeführt wurde. Im Augenwinkel sah ich noch die zwei lachenden jungen Männer vom Flieger. Wer den Schaden hat, braucht bekanntlich mit dem Spott nicht zu soegen. Man brachte mich in ein Kammerl am Flughafen. Dort konnte niemand etwas mit mir anfangen, denn ich schluchzte nur, dass ich auf keinen Fall nach Russia zurück fliege.

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Meine Tochter hat mir gesagt, ich möge viele Kugelschreiber und Feuerzeuge mitnehmen, das haben die Inder gerne. Zuerst rückte ich mit ein paar Stück raus, das wurde nur belächelt, zum Schluss war die andere Seite des Tisches voll mit Schreibern und Feuerzeugen, ich saß verzweifelt auf der anderen Seite. Überzeugen konnte ich damit niemanden. Sie wussten einfach nicht, was sie mit mir anfangen sollten. In meinem Hirn ratterte es, doch es kam kein gescheiter Gedanke raus, ich wusste nur, ich muss zu meiner Tochter, die auf mich wartet. Ich weiß heute nur noch, dass ich mindestens fünf Stunden in dem Kammerl saß, und dann passierte etwas, womit auch die Inder nicht gerechnet hatten. Plötzlich lief eine riesengroße Ratte  quer durch den Raum. Die Inder beeindruckte das gar nicht, sie waren daran gewöhnt. Nun muss man wissen, mir machen Schlangen nichts, die kann man mir umhängen, Spinnen übersehe ich, aber Mäuse und Ratten: NEIN! Ich schrie wie am Spieß, hüpfte auf den Tisch mit dem Finger auf die Ratte deutend. Einer der Inder öffnete die Tür, und stieß das Vieh aus dem Raum. Ich glaube ab dem Moment hatte ich gewonnen, denn die wollten mich nur mehr los werden. Zugleich kam  mir endlich die zündende Idee, die Inder zu bitten, sich an die Österreichische Botschaft zu wenden. In meinem Größenwahn wollte ich gleich den Botschafter persönlich zu sprechen. Einer der Angestellten rief dann eine Nummer an und eine Stunden später wurde ich zwar nicht vom Botschafter, jedoch mit Sekretär einem Botschaftswagen mit Flagge abgeholt. Ich atmete auf.

Nun begann der zweite Akt. Der Sekretär, der in dem Wagen saß, fragte mich gar nicht, wie man so blöd sein konnte, ohne Visum einzureisen, er sagte nur, er werde mir jetzt ein Quartier besorgen: (nicht zu teuer, hauchte ich noch ermattet,(ich bin eine sparsame Jungfrau muss man wissen). Man setzte mich vor einem netten kleinen Hotel ab. Am nächsten Morgen werde er kommen, verabschiedere mich der Mann, wir müssen Fotos machen, und uns um das Visum kümmern. Ich bedankte mich, ging im Hotel gleich aufs Zimmer, um so wie ich war, aufs Bett zu sinken und zu schlafen. Der Schock beim Aufwachen war groß, denn mir fiel natürlich sofort meine Blödheit wieder ein, aber gut, was sein muss, muss sein. Wieder im Botschaftswagen erledigten wir die Visumsache, am nächsten Tag hatte ich es in Händen. Aber was nun? Ich musste ja nach Goa. Als ich die Halle meines Hotels betrat, stand da ein junger Inder, er hatte so einen weißen Streifen quer durchs Haar. Dieser Mann war für die nächsten Tage mein Engel. Ich erzählte ihm meine Misere, er hörte zu, ich tat ihm offensichtlich leid. Er wurde mein privater Führer durch Dehli. Ich aß sogar einmal zusammen mit seiner Familie. Da ich ihm erzählte, dass ich unter schweren Schlafstörungen leide, bot er sich an, jeden Morgen um 4 Uhr zum Flughafen zu fahren, und zu schauen, welche Nummer ich auf der Warteliste war. Es war die Nummer 50. Heute gibt es Computer und all die Sachen, aber die Hippies werden sich sicher noch an diese Art des Reisens erinnern. Die Tage vergingen, ich sah immer mehr von der von Menschen überfüllten und zugleich wunderschönen Stadt. Langsam  begriff ich, ich werde wohl wieder nach Hause fliegen müssen, denn einen Flug nach Goa zu ergattern, wird zu lange dauern.

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Doch eines Morgens, genau zu Weihnachten, am 24. Dezember, kam mein Engel und sagte: Schnell, schnell, I have your flight. Hastig packte ich alles ein, er brachte mich am Flughafen. Es stellte sich heraus, dass man auf Grund der vielen Wartenden extra einen Flieger eingesetzt hat. Ein schneller Abschied von meinem Engel, und schon saß ich im Flieger. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass meine Tochter ja auch Hippiemäßig wohnte, man mietete einfach ein Haus, kaufte am Markt die Einrichtung ein, die man braucht, und lebt dann, zumindest damals, sehr, sehr günstig. Meine Tochter anzurufen war also nicht möglich, Handys gab es weit und breit noch nicht. Meine Kontaktadresse von Linda war der Ort Baga und ein Lokal namens Mario´s. Mehr hatte ich nicht. Im Flieger saß ein junges Mädchen neben mir, die sich gerade eine Spritze in den Bauch schob, ich dachte, aha, meine erste Drogensüchtige. Sie erzählte mir jedoch kurz danach, sie sei zuckerkrank. Also alles war legal. Sie fragte mich, ob ich weiß, wo es nett sei in Goa, ich sagte Baga, und so teilten wir uns ein Taxi. Der Taxifahrer kannte die Bar Mario´s, ich torkelte hinein und wurde lauthals begrüßt, denn meine Tochter war jeden Tag dort, um zu fragen, ob „her mother“ nicht schon hier war. Ein Gast von Marios zeigte mir das Haus. Linda saß auf der Terrasse, und Schon von Weitem erkannte sie mich, schrie Mama, endlich bist du da, was war denn los? Sprachlos sank ich nach all der Aufregung weinend in ihre Arme. Ich war endlich da, wo ich hin wollte. Endlich verbrachten wir eine wunderschöne Zeit zusammen, die ich noch sehr genossen habe, wenngleich ich teilweise schockiert war, wenn am Strand plötzlich eine Kuh ganz selbstverständlich herum spazierte. Das würde aber einen anderen Bericht erfordern. Ich wurde danach viele Jahre ein echter Goa Fan. Viele Male überwinterte ich dort. Nur mit meiner Coco geht es halt nicht mehr. Unser beider Winterziel wurde Teneriffa. Also bitte, vor einer Indienreise immer ein Visum besorgen! Aber wahrscheinlich gibt es eh nur mich, die das vergessen konnte.
Die Indien-Fotos sind übrigens von meinem Freund Gerry Gekko.
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MEINE ERSTE REISE NACH INDIEN – OHNE VISUM

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